Da stand ich Freitag nun also vor dem, von Charles Rennie Mackintosh designten, Gebäude der Glasgow School of Arts. Und war irgendwie nicht beeindruckt. Klar, schon ein tolles Design. Aber wieso von dem Gebäude so geschwärmt wird entging mir in dem Moment. Das sollte sich noch ändern.
Man erfährt als unbedachter Fußgänger das Mackintosh-Gebäude der GSA nicht richtig. Man darf es nicht einfach nur von der Straßenebene aus anstarren. Man muss es aus der Distanz sehen. Man muss es von oben betrachten. (Dafür werden einem netterweise im angrenzenden Shop/Museum Modelle zur Verfügung gestellt.) Man muss es durchstreifen und seine Einrichtung auf sich wirken lassen (Dafür werden Führungen angeboten). Und natürlich muss man in seiner Bibliothek gestanden haben. Aber zu der komme ich gleich.
Erstmal musste ich eines der Seitengebäude betreten, denn die Bibliothek im Mackintosh-Gebäude ist nicht einmal für die Studenten zugänglich. An der Tür begrüßte mich meine Führung für den heutigen Tag, die charmante Jennifer. Jennifer ist, nach abgeschlossenem Bachelor in Bibliothekswissenschaften, selbst gerade dabei an verschieden Bibliotheken kleinere Praktika zu machen und sich auf ihr weiterführendes Studium vorzubereiten. Da kam natürlich sofort die mir allseits bekannte Frage auf: "At which university are you studying?" Zum Glück wurden mir ähnliche Fragen ja schon seit vier Wochen gestellt und ich bin mittlerweile geübt darin Briten das deutsche Ausbildungssystem zu erklären.
Im Lesesaal des Bibliotheksgebäudes hatte Jennifer ganze Tischreihen, mit Besonderheiten aus dem Raritätenbestand, für mich gefüllt und ich war von den Socken. Da war zuerst einmal der übernommene Bestand an Design- und Musterbüchern von Stoddard International, früher einmal einer der größten Teppichhersteller auf der Welt. (Die Firma hat u.a. die kompletten Teppiche für die Titanic designed und hergestellt.) Diese Bücher wurden als Inspirationsquelle für neue Designs genutzt und quollen nur so über von zusammengesammelten Zeichnungen aus den verschiedensten Ländern, vor Allem aber Japan und China.
Die anderen Objekte (man muss sie als solche Bezeichnen), die Jennifer für mich herausgesucht hatte waren Kunstbücher. Nein, keine Bücher über Kunst, oder mit Kunstdrucken oder Ähnlichem. Es waren Bücher als Kunstwerke. Oder waren es Kunstwerke, die man wie Bücher lesen soll? Das war manchmal schwer zu unterscheiden. Da waren ganz simple Sachen, wie handgebundene Notizbücher, deren Schnitt so bemalt wurde, dass es ein eigenes Bild ergab, während die Skizzen auf den einzelnen Seiten mit diesen Randzeichnungen verschmolzen. Oder so Abstraktes wie eine Box mit einem kleinen Glas, in dem sich ein Pferdehaar, ein Stein und ein Stück Holz befand, und einigen kleinen Heftchen, die exakt beschrieben, wo der/die Künstler/in diese Materialien gesammelt hatte. Sind die Hefte das Buch und das Glas Anschauungsmaterial? Oder soll nicht viel eher der Inhalt des Glases gelesen werden und die Hefte fungieren hier nur als Anmerkungen?
Wie man solche Bücher entsprechend katalogisiert ist ein Diskussionsthema für sich. RAK bringt da sicher wenig. Diese Bücher müssten bis ins Details beschrieben werden (Material, Bindung, exakte Inhaltsbeschreibungen u.ä.) und mit Bildern im Katalog versehen werden. Und wie macht man das mit der Restauration? Vor Allem, wenn Künstler selbst hergestelltes Papier verwendet haben? Da ist man sich in der GSA Bibliothek immer noch sehr uneinig, denn auf diesem Feld der Bibliotheksarbeit muss noch viel Forschungsarbeit geleistet werden. Falls also jemand mal in seinem zukünftigen Bibliothekswissenschaftsstudium eine gute Idee für eine Hausarbeit braucht...
Zum Abschluss bot Jennifer mir noch an, mich durch das Innere des Mackintosh-Gebäudes zu führen und ich nahm freudig an. Die Eingangshalle ist gesäumt von kleinen Mosaiken großer Denker und in den Fluren stehen meisterhafte Statuen. (Ist das eine Kopie der Venus von Milo? Oh, und da hinten Laokoon und die Schlange!)
Die Bibliothek im Mackintosh Gebäude wird von braunschwarzem Holz dominiert und soll, laut gängigster Interpretation des Raumes, den Eindruck eines Waldes vermitteln. Tatsächlich war das auch das Erste an das Ich beim Betreten denken musste. Das lag jedoch eher daran, dass die Luft so stark von dem Holzduft gesättigt war, dass man den diesen immer in der Nase hatte, jedoch wiederum nicht so stark, dass er sich aufzwang.
Da mir auch hier eigene Fotos verboten wurden, verweise ich an dieser Stelle lieber auf Bilder der Bibliothek, die so schon im Netz rumschwirren:
Von dieser umfangreichen Führung begeistert verabschiedete ich mich von Jennifer und nutzte den restlichen Tag für einen Abstecher ins Kelvingrove Museum am gleichnamigen Park. (Denn Beide sind einfach nur f**king awesome!)
Wer selbst mal einen Blick in den Bestand werfen will, oder sich einfach generell über die GSA informieren will, dem seien diese Seiten ans Herz gelegt:



